Faschingeder, Gerald/Kolland, Fritz/Wimmer, Franz - KULTUR ALS UMKÄMPFTES TERRAIN
Paradigmenwechsel in der Entwicklungspolitik?
Die "Zeitschrift für Weltgeschichte", Jg. 5, Hft.1: "Aufsatzsammlung zur Relevanz der Kulturdebatte in den Entwicklungstheorien. Einzelaufsätze zu China, Japan, Indien, zum Tourismus (...) sowie zur Stadtkultur in Afrika."
Die Zeitschrift "Kulturaustausch" in der Nummer 5/2003: "(Die) Konjuktur, die der Kulturbegriff in den letzten Jahren in der öffentlichen Diskussion erlebte, war Teil der Entpolitisierungsstrategie der letzten Jahre - so lautet die Ausgangsthese des vorliegenden Bandes."
ISBN 3-85371-203-7, 268 Seiten, VERGRIFFEN
Reihe "Historische Sozialkunde"/Internationale Entwicklung
Der Entwicklungsdiskurs ist ohne Kulturdebatte nicht mehr möglich. Mit unscharfer Begrifflichkeit werden dabei allerdings die verschiedensten Ansprüche transportiert. Der vorliegende Band lotet das Potenzial der Kulturdiskussion aus.
An der seit dem Herbst 2000 in Deutschland hitzig geführten Debatte um die Leitkultur lässt sich die Anfälligkeit des Kulturbegriffes für herrschaftsstabilisierende und mitunter rechtspopulistische Vereinnahmung gut beobachten. Auch in der Entwicklungsdiskussion steht der Kulturbegriff zum Teil für den hegemonialen Anspruch der Weltzentren.
Sämtliche Modernisierungstheorien beschäftigten sich ausgiebig mit Kultur, taten dies jedoch stets mit Augenmerk auf deren entwicklungshemmende Rolle. Ziel der modernisierungstheoretischen Entwicklungsvorhaben war die Durchsetzung der von den Zentren formulierten Standards, "kulturfremder" Entwicklungsziele also. Einen anderen Weg wählten Nationen der "Dritten Welt", die sich dem Aufbau einer genuinen "Nationalkultur" widmeten. Hier wurde zwar eine "eigene Kultur" als Entwicklungsziel betrachtet, diese aber zum Preis der Negierung interner Differenzen und Minderheiten aufgebaut. Einen Weg abseits der Weltentwicklung wollte definitiv niemand gehen, eine autozentrierte Entwicklung sollte nur eine vorübergehende Abnabelung mit sich bringen.
Heute steht die Kulturdiskussion vor der Frage, ob nicht so gut wie alle Ansätze stets der impliziten Prämisse der Modernisierung gefolgt sind. Modernisierungs- und Imperialismustheorien, Dependencia wie auch Self-Reliance-Strategien teilen die Absicht, wirtschaftliches Wachstum zu fördern.
Die jüngsten Gegenentwürfe zu den traditionellen Wachstumstheorien, ob konservativer oder linker Provenienz, erklären sich der Moderne an sich, nicht der Modernisierung verpflichtet. Eine kritische Diskussion der Moderne führt hingegen in weit weniger eindeutige Gefilde: Kann zum einen aus der Moderne die Forderung nach weltweiter Durchsetzung universalistischer Prinzipien (Menschenrechte, Gerechtigkeit) gefolgert werden, so wird zum anderen auch die Ansicht vertreten, dass genuin westliche (partikularistische) Ansätze noch keineswegs der (universalistischen) Moderne entsprechen und der Idee der individuellen oder kollektiven Selbstbestimmung nur partiell gerecht werden.
Eine Diskussion von Kultur im Nord-Süd-Zusammenhang kommt an dieser Diskussion der Moderne nicht vorbei. Dies liegt daran, dass Entwicklung nur aus der Perspektive der Aufklärung heraus Sinn macht. Entwicklung meint Verbesserung, der Wunsch nach einer solchen setzt eine Kritik des gesellschaftlich Vorhandenen voraus. Eine entscheidende Frage ist, ob die Forderung nach weltweiter Durchsetzung der Aufklärung mit einem kultursensiblen Entwicklungsansatz vereinbar ist.
Die Herausgeber:
Gerald Faschingeder, Jahrgang 1972, arbeitet als Lektor für Entwicklungspolitik
an österreichischen Universitäten.
Franz Kolland, Jahrgang 1954, ist Soziologe an der Universität Wien.
Franz Wimmer, Jahrgang 1952, ist am Institut für Philosophie der Universität
Wien beschäftigt.


