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Bärbel Danneberg - Alter Vogel, flieg!

Tagebuch einer pflegenden Tochter

Bärbel Danneberg
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Gestern Abend war Mutter ganz ausgelassen und albern. „Ich habe einen Lititi“, lachte sie und erklärte: „Das habe ich immer bei Tante Mariechen gesagt: Lititi.“ Als sie spürte, dass ein paar Krümel vom Abendessen an ihrem Mund klebten, nuschelte sie: „Hab heut noch det Maul jeschnullt.“
Nun beklagt sie sich wieder, sie wüsste nicht, wie sie das alles hier bezahlen soll, sie habe doch gar kein Geld. Ich beruhige sie und versichere, sie würde alles selbst bezahlen, ihr Geld reiche aus. Ihre Antwort: „Wenn ich es machen könnte, würde ich es ja machen.“ „Was denn?“, frage ich. „Einen Schwimmerlappen“, sagt sie. Keine Ahnung, was sie meint.
Am Wochenende war Julius mit ihr auf einer langen Spazierfahrt unterwegs, danach ließen sie sich im Sonnenschein Süßes auf der Kaffeehaus-Terrasse schmecken. Sie fühlt sich, glaube ich, geborgen am Land. Am Samstag war sie wieder mit uns in der Sauna und hat es genossen. Den Julius bezeichnete sie als den „Prediger“, und später raunte sie zu sich: „Ach Else, was bist du für ein steiniger Wurm.“ Natürlich wusste sie nachmittags wieder nicht, wo sie schlafen soll: „Da jault man dann wie so’n kleiner Hund von der Straße – wo schlafe ich“, lachte sie.
Gestern Abend hat eine Freundin auf sie geschaut, weil wir zu einer Buchpräsentation gegangen sind. Das hat sie wohl etwas durcheinandergebracht. Aber es muss sein – ab und zu müssen Julius und ich auch an uns denken. Er meint, ihr Verhalten heute früh war die Rechnung dafür, dass wir abends nicht zu Hause geblieben sind. Da saß sie zitternd im Sessel und beklagte sich, dass sie alleingelassen worden sei und nicht wisse, wo sie sich befinde.
[…]
Die Heimhilfe, die eigentlich Besuchsdienst heißt, war heute wieder da. Der Sinn der Sache birgt irgendwie auch etwas Paradoxes: Wir müssen fortgehen, selbst bei dem größten Sauwetter wie heute, bei Regen, kaltem Wind, Temperaturen um null Grad. Julius und ich waren einkaufen, ein „Freizeiterlebnis“, und dann haben wir die Frau Besuchsdienst einfach früher wieder weggeschickt. Wenn es wärmer und schöner wird, könnten wir in den eineinhalb Stunden Rad fahren, sofern Julius keinen Unterricht hat. Oder ich gehe schwimmen. Ansonsten sind wir gezwungen, uns etwas einfallen zu lassen. Die Lust, faul auf einem Sofa zu liegen, weil einem einfach danach ist, fällt einem fixen Stundenplan zum Opfer.
Auch mit den unterschiedlichen Terminen meiner Behandlungen und mit Julius’ Stundenplan ist es schwierig. So ad hoc jemanden zu finden, ist nicht leicht, obwohl wir, bzw. Mutter, gut zahlen – zehn Euro die Stunde. Am Sonntag zum Beispiel, als wir zur Literatur-im-März-Veranstaltung gehen wollten: Die Tochter war verhindert, jemand anders war nicht erreichbar, die „Reservebetreuer“ hatten auch etwas Besseres vor, es ist ein ewiges Buhlen und Bitten. Morgen wird es ähnlich sein: Ich habe Behandlung im AKH, Julius hat Unterricht. Nach langen Telefonaten wird schließlich doch noch schnell jemand aus unserer Familie einspringen. Das nervt, dieses Bitten.

Nach dem Krieg war Not, es gab wenig zu essen, meine Mutter ging oft in den Ostteil der Stadt zum Einhaufen, in den HO, Handelshaus Ost. Dort kostete das Brot nur einen Bruchteil dessen, was im Westteil der Stadt verlangt wurde, denn die DDR stützte die Preise für Grundnahrungsmittel staatlich. Mit dem billigen Einkaufen für Westler war später Schluss, die Mauer wurde gebaut und niemand aus Westberlin konnte mehr ohne Passierschein hinüber in den Ostteil fahren. Die billigen Lebensmittel fehlten unserer Familie. Wenn wir bei den Lagotniks, dem kleinen Lebensmittelladen schräg gegenüber unserer Wohnung, einkauften, schickte meine Mutter uns Kinder oft mit einem Zettel, auf welchem sie bat, „anschreiben“ lassen zu dürfen. Mir war das immer sehr unangenehm.

Heute kam vom Arzt, dem Sachverständigen für die Sachwalterschaft, der Bescheid, dass er meine Mutter am kommenden Mittwoch untersuchen möchte. Es nimmt also alles seinen Lauf.
Julius war wieder mit Mutter spazieren und im Schweizer Garten Kaffee trinken. Danke, Julius. Die Tage mit ihr allein werden immer sehr lang. Aber ich habe schon für abends, es kommen Gäste, das Essen vorbereitet. Wir schauen halt, soviel Besuch wie möglich einzuladen und zu bekochen, weil wir ja nicht weggehen können.
Ich war heute, als die beiden unterwegs waren, auch wieder auf der Schmerzambulanz zur Akupunktur. Ich habe das Gefühl, mein ganzes Skelett verschiebt sich durch die Turnerei, im linken Schlüsselbein und in der rechten Armkugel knackst und knurpelt es. Ich turne jeden Morgen eine halbe Stunde, es ist die Energie der Verzweiflung.
Gestern Abend hat Mutter wieder ihre komischen Witze gemacht. Sie hat mit Julius geschäkert. „Nicht wahr, mein Bester, mein Lieber, kommst du mit in mein Bett?“ „Aber Mutti“, rufe ich, „das ist doch mein Mann, mach mir keinen Ärger!“ „Was, dein Mann?“, lacht sie und kichert: „Egal, Mann ist Mann.“

Vor einer Woche war Frühlingsbeginn – und es schneit und schneit und schneit.
„Wo schlafe ich denn heute?“ Jeden Nachmittag das Gleiche, Tränen, Traurigkeit, Ratlosigkeit, Angst. „Ich glaube, es wird Zeit, nach Hause zu gehen.“ „Aber Mutti“, sage ich, „du bist doch hier zu Hause, schon fast ein Jahr!“ „Aber irgendwann muss ich ja doch weg“, erwidert sie. Sie vergisst es jeden Tag neu. Die Furcht, alleingelassen zu sein, sitzt tief und ist unauslöschbar. Wenn ich sie in die Arme nehme und ihr versichere, dass sie nicht weg muss, kommt ein Stoßseufzer und ein „Gott sei Dank“.
Dann haben wir Fotos angeschaut. Zu einem Foto von mir sagt sie: „Das ist auch so eine Frau, die fürs Essen zuständig ist“. Und dann, als ich die Stirn runzele, mit verschmitztem Lächeln: „Meine Schwiegermutter.“ Zu dem Foto, das meinen kleinen Bruder zeigt, sagt sie, das sei Helene. „Joachim???“, fragt sie verwundert. „Aber warum hat der denn Mädchenkleider an?“ Zu dem Foto, auf welchem ihr großer Sohn als Jugendlicher zu sehen ist, sagt sie: „Das ist auch irgend so einer aus der Verwandtschaft von früher.“ Dann: „Mein Sohn?“, und Achselzucken.

Mein kleiner Bruder Joachim wurde 1946 geboren. Ich sehe noch alles vor mir: Er lag wie ein eingeschnürtes Paket auf dem Doppelbett in der Wohnung meiner Oma und war krebsrot. Er krächzte wie ein heiserer Rabe, und als ich seine kleine Hand berühren wollte, kamen Mutter, Oma und Tanten angerannt und verboten mir das. Er sei noch zu klein, man dürfe ihn nicht berühren. Mein kleiner Bruder wurde später oft von meiner Oma und den zwei Tanten betreut. Bei uns zu Hause gab es zu viele Esser und meine Eltern hatten Mühe, uns satt zu bekommen. Meine Oma und die Tanten verwöhnten den Kleinen, schälten ihm zu einer Zeit Orangen, wo wir anderen Kinder nicht einmal im Traum an diese köstlichen Früchte denken konnten.

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