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Moshe Zuckermann - "Antisemit!"

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Anmerkungen zum Antisemitismus

Über den Antisemitismus ist schon so viel, mithin so viel Gewichtiges gesagt worden, dass er mittlerweile begrifflich wie theoretisch durchdrungen, andererseits aber auch gehörig zerredet zu sein scheint. Dass man sich mit ihm so eingehend und intensiv befasst hat, kann nicht verwundern: So horrend waren seine Auswirkungen im 20. Jahrhundert, dass er mit Auschwitz als Kulminationspunkt eliminatorischer Judenverfolgung zum paradigmatischen Bestandteil der Dialektik einer gesamten zivilisatorischen Entwicklung und zur Grundlage eines als solchen apostrophierten "Zivilisationsbruchs" erhoben wurde. Das Menschheitsverbrechen der Shoah traumatisierte die Weltsicht der Moderne solchermaßen, dass es den Endpunkt aller unbeschwerten Zukunftsfreude und naiv aufklärender Fortschrittsseligkeit bilden musste. Auschwitz geriet so zum universellen Maßstab eines präzedenzlosen, gerade in der und durch die Moderne ermöglichten "Rückfalls in die Barbarei", was wiederum in zwei miteinander unvereinbare Gewichtungen der Katastrophe münden sollte: Mit der Präzedenzlosigkeit der Monstrosität wurde auch ihre Einzigartigkeit postuliert, wodurch beides möglich wurde - die Shoah der Juden als so unvergleichbar zu deuten, dass sie sich geschichtlicher Beurteilungskriterien nachgerade entschlug (der Schriftsteller Yechiel Dinur alias K. Zetnik, berühmter Zeuge im Eichmann-Prozess, hatte den Ausdruck "anderer Planet"101 für Auschwitz geprägt, eine Benennung, die er späterhin gleichwohl revidierte); zugleich aber auch die Shoah als bereits erfolgten, gerade deshalb aber potentiell auch wieder möglichen Rückfall in die Barbarei zu rezipieren, wie es etwa Adorno mit dem sogenannten neuen kategorischen Imperativ suggerierte,102 womit freilich ebendieses Einzigartige zum Maßstab einer permanent drohenden Möglichkeit historischer Wiederkehr umgedeutet wurde. Wenn nun der Antisemitismus als wesentlicher Motor dessen, was sich in Auschwitz vollstreckte, Auschwitz selbst aber als Zentralereignis neuzeitlicher Zivilisationsentfaltung wahrgenommen wird, unterliegt der Antisemitismus ebenfalls zwei konträren Möglichkeiten des Umgangs mit ihm: Zum einen wird man seinen Begriff und die Reaktion auf das mit diesem Begriff bezeichnete Phänomen für das vorbehalten wollen, was dem einzigartigen Ausnahmezustand der Shoah angemessen ist, d.h., den inflationären Gebrauch des Begriffs in dem Sinne meiden, den auch Adorno vor Augen gehabt haben muss, als er im Hinblick auf die Benennung dessen als genocide, wofür er selbst noch keinen Begriff hatte, schrieb: "[?] durch die Kodifizierung, wie sie in der internationalen Erklärung der Menschenrechte niedergelegt ist, hat man zugleich, um des Protestes willen, das Unsagbare kommensurabel gemacht"103 Zum anderen wird man aber gerade angesichts der Dauerdrohung eines Rückfalls in die Barbarei, im Geiste steter Alarmbereitschaft und aus dem Bewusstsein, der Anfänge wehren zu sollen, auf jegliche Erscheinung des Antisemitismus hinweisen wollen, ohne einer Hierarchie der Dringlichkeit zu gehorchen.

In diesem zweiten Fall muss allerdings in Kauf genommen werden, dass eine - wie immer honorig gemeinte - Alarmbereitschaft leicht in Alarmismus umschlagen kann, ein Umstand, der spätestens dann sich alles Honorigen begibt, wenn sich der unkende Alarmismus als handfeste Ideologie erweist. Dass es dazu kommen kann, rührt nicht unbedingt von subjektiv zynischer Absicht her, sondern hat strukturelle, in der historischen Genese des Antisemitismus und seinen vielfältigen Erscheinungsformen wurzelnde Gründe. Denn man würde den menschheitsgeschichtlichen Stellenwert der industriellen Vernichtung des europäischen Judentums vollkommen verkennen, wenn man diese als eine Station der jüdischen Verfolgungsgeschichte unter vielen anderen einordnete, mithin den im 19. Jahrhundert keimenden modernen Antisemitismus als teleologisch vorbestimmten Ursprung einer Entwicklung auf Auschwitz zu deutete: Zwar sind Residuen des traditionellen Judenhasses im modernen Antisemitismus sedimentiert, aber weder lässt sich der säkulare Antisemitismus der bürgerlichen Gesellschaft vom vormodernen, im Wesen religiös begründeten Judenhass kausal (geschweige denn linear) ableiten, noch darf man den sich im 19. Jahrhundert nach und nach bildenden Antisemitismus als determinante Vorstufe des eliminatorischen deutschen Antisemitismus der 1940er Jahre ansehen. Man würde sich damit sowohl um den Geltungsanspruch auf die Singularität von Auschwitz als auch um die Triftigkeit der Grundvorstellung von historischen Handlungsräumen, real möglicher Praxis, ja selbst von schlichter geschichtlicher Kontingenz bringen.

Sosehr vieles in der Geschichte des 19. Jahrhunderts als chronologische Vorstufe der Entwicklungen im darauffolgenden angesehen werden muss - dies ist trivial genug, um es bei dieser Feststellung zu belassen -, muss man auch auf den Bruch insistieren, der sich im Übergang vom Antisemitismus der Frühzeit zu den Vernichtungsexzessen im 20. Jahrhundert vollzogen hat. Wäre es bei dem geblieben, was sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an Antisemitismus herausbildete, würde dies zwar heute noch für schlimm genug erachtet werden, aber niemand käme auf die Idee, von einer Menschheitskatastrophe zu reden. Gewiss, es gab gewalttätige Übergriffe gegen Juden, schlimmste Pogrome (vor allem im osteuropäischen Raum), aber diese lassen sich, wie immer zynisch, in eine universelle Gewaltgeschichte gegen Minderheiten und gesellschaftlich Verfemte als mehr oder minder "normal" einordnen und ideologisch abbuchen. Angesichts der Ausmaße des Grauens erfordert Auschwitz hingegen so unabweisbar andere Deutungs- und Erklärungskategorien, dass man einzig die reale Praxis der Vernichtung zum Kriterium ihrer Bewertung erheben kann: Nichts zuvor Angemaßtes, Phantasiertes, ja Beabsichtigtes ist der schieren Tatsache des materiellen Vernichtungsvollzugs kommensurabel. Das u. a. muss Adorno im Sinn gehabt haben, als er im Hinblick auf Auschwitz dezidiert behauptete: "Nur im ungeschminkt materialistischen Motiv überlebt Moral"; und: "Die somatische, sinnferne Schicht des Lebendigen ist Schauplatz des Leidens, das in den Lagern alles Beschwichtigende des Geistes und seiner Objektivation, der Kultur, ohne Trost verbrannte".104 Das zwingt Bescheidenheit auf, muss spontane Skrupel beim Vergleich zu jeglichem Vor- oder Nachgeschehenen wecken. Wer diese nicht verspürt, spielt mit Auschwitz, banalisiert mithin das Unsägliche selbst noch in der Geste ehrlich gemeinter Entrüstung, die letztlich nichts anderes vermag, als in der allzu leicht herbeibemühten Beschwörung der Shoah das Wesen dessen, was geschah, zwangsläufig zu verfehlen. Dies möge man sich stets auch in Anbetracht dessen vor Augen halten, dass der reale Vollzug der "endlösenden" Judenvernichtung selbst noch im NS-Regime nicht von vornherein feststand: 1933, 1935, 1938 sind prägnante Stationen auf dem Weg zu 1942, als chronologische Folge manifestiert sich in ihnen durchaus auch die Akkumulation und Verfestigung der Logik, die auf den Beschluss organisierter Vernichtung zusteuerte; und doch sind sie noch nicht Auschwitz - fraglich gar, ob ein gelungenes Attentat auf Hitler im Jahre 1938 Auschwitz nicht verhindert hätte. Das muss im hier erörterten Kontext dahingehend hervorgehoben werden, als damit auch das Eliminatorische des Antisemitismus (so grauenvoll er auch sonst noch stets war) ins angemessene Bewertungsverhältnis gerückt werden muss: Als "Saujude" angepöbelt zu werden, ist schlimm; auch als Jude gesellschaftlich ausgegrenzt oder gar ins Exil unter Verlust der materiellen Grundlage seiner Existenz vertrieben zu werden. Aber so kränkend, empörend, Leid erzeugend und unverzeihlich solche Akte stets waren, sie ließen dem Juden sein Leben, sie ermöglichten ihm die Flucht, die Alternative, den Neubeginn - sie löschten ihn nicht aus. Das darf man nie vergessen, wenn man sich angehalten fühlt, gegen heutige antisemitische Ausfälle vorzugehen bzw. sich ihnen gegenüber zu positionieren: Die Shoah gerät leicht zum ideologischen Fetisch, wenn man in jedem Gepöbel eines Neonazis, in jeder Auslassung eines liberalen Wahlkämpfers gleich die Heraufkunft des Vierten Reichs gewahrt, vor allem aber Auschwitz dabei im Munde führt, als rede man über den gestrigen Wetterbericht.

Dies ist auch der Zusammenhang, in dem "die Shoah" in einer Weise zur austauschbaren Worthülse verkommt, dass die öffentliche Geißelung des Antisemiten als solchen sich aller emanzipatorischen Emphase begibt - erst recht dort, wo der unbeschwerte Vorwurf des Antisemitismus eher mit projektiven Bedürfnissen des Geißelnden als mit der realen Gesinnung des Gegeißelten zu tun hat. Der lustvoll stigmatisierende Keulenschwung so mancher heutiger deutscher "Antisemitenjäger" hat dem Ressentiment der von ihnen Aufgespießten oft nichts vor. Es will zuweilen gar scheinen, als bediene das obsessive Aufspüren von Antisemiten und Antisemitismen das pulsierende Verlangen der Keulenschwinger, ein längst verdinglichtes "Auschwitz" am Leben zu erhalten - nicht unähnlich der Selbsteinhüllung jüdisch-israelischer Jugendlicher mit der Israelfahne bei staatlich organisierten Auschwitz-Besuchen. Das will wohlverstanden sein: Es geht hier nicht um die unhinterfragbare Notwendigkeit der realen Antisemitismusbekämpfung, sondern um die fetischisiert-ideologische Erstarrung des ursprünglichen kritischen Impulses, die die emanzipatorische Kampfemphase zur narzisstischen Selbstsetzung entarten lässt. Die Veralltäglichung der Shoah im kollektiven Bewusstsein hat viel damit zu tun, vor allem aber die durch leidige Dauerverwendung legitimierte Permanenz ihrer Abrufbarkeit: Es gab nicht nur die reale Banalität des Bösen, sondern es gibt heute auch das Böse der Banalisierung dessen, was statt sich ans Unsägliche (eben als solches) heranzutasten, längst zur Allerweltsparole degeneriert ist. Dies erweist sich nicht nur am Nomenklaturproblem, sondern vor allem auch daran, dass die sozialen Hintergründe und strukturellen Grundlagen des real existierenden Antisemitismus gar nicht erst anvisiert werden, geschweige denn das, was zweifellos größere Dringlichkeit beanspruchen darf als das herrschende antijüdische Ressentiment, namentlich Fremdenhass und Rassismus. Der kleinste antisemitische Ausfall darf sich sofortiger öffentlicher Aufmerksamkeit gewiss sein, wo mörderische Gewaltakte gegen Asylanten, Zuwanderern und sonstigen "Fremden" unaufgeregt als integraler Bestandteil einer routiniert gewordenen Tagesordnung registriert werden. Warum? Weil es Auschwitz gegeben hat. Es ist indes genau diese instrumentelle Funktionalisierung von Auschwitz, die sich vorhalten lassen muss, nicht nur Gewichtiges in der akuten politischen Praxis zu unterlassen, sondern auch nahezu nichts für ein genuines Auschwitz-Gedenken, welchem man sich angeblich so verpflichtet weiß, zu leisten. Genau genommen, kontaminiert die Verkommenheit eines zum fetischisierten "Argument" zerredeten Auschwitz nachgerade das Anliegen jeglicher Erinnerung an das, was dieser Begriff zu kodieren hätte.

Hieran schließt sich ein weiteres Problem an. Im Dezember 2009 veranstaltete das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin eine Tagung über das Verhältnis von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit, die, wie es hieß, "schon im Vorfeld heftigster Kritik ausgesetzt war". In einer "Tageszeitung"-Kolumne schrieb dazu Micha Brumlik, auf die Attacken gegen den renommierten Historiker Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums und der offenbar Neuralgisches berührenden Tagung, bezugnehmend: "Eine Gruppe von Autoren, unter ihnen Matthias Küntzel, Henryk M. Broder, Clemens Heni sowie der Berliner Korrespondent der Jerusalem Post, Benjamin Weinthal, vertraten in einer publizistischen Kampagne die Auffassung, dass die geplante Tagung Antisemitismus und Islamophobie nicht nur miteinander vergleiche, sondern dadurch auch gleichsetze. Damit wurde - ohne nähere Begründung - der Veranstalter selbst zumindest in die Nähe des Antisemitismus gerückt. Aber was hatte Benz tatsächlich gesagt?"105 Brumlik legte dann überzeugend dar, nicht nur, was Wolfgang Benz (sehr vorsichtig) gesagt hatte, sondern warum er selbst den in der Tagung thematisierten Vergleich für legitim erachte, ohne dass dabei etwas an der Singularität von Auschwitz angerührt würde. Dass dabei nicht nur Wolfgang Benz vor besagten Autoren in Schutz genommen werden musste, sondern in einem Fall auch der weltbekannte israelische Shoah-Forscher Yehuda Bauer, der sich für Benz einsetzte, braucht hier nicht weiter erörtert zu werden - besagt dies schon an sich genug, was man von den polemischen Auslassungen besagter Autoren zu halten hat. Man kommt aber nicht umhin, sich (im Sinne der von diesen Autoren erhobenen "Fragestellung") einer anderen Frage zu stellen, die dem "Vergehen" von Wolfgang Benz zumindest verschwistert sein dürfte: Wenn Antisemitismus nicht in die vergleichende Nähe der Islamophobie gerückt werden darf, wie kommt es, dass die heftigen Attacken der islamischen Welt gegen Israel leichterhand als Antisemitismus eingestuft werden? Anders gefragt: Wenn Auschwitz das Kriterium für die von diesen Autoren vorgenommene Unterscheidung des Antisemitismus von Islamfeindschaft abgibt, müsste nicht ebendieses Kriterium als Unterscheidungsmerkmal zwischen dem abendländischen Antisemitismus und der Zionismus- bzw. Israelfeindschaft vieler in der islamischen Welt herangezogen werden?


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