Walter Wippersberg - Der Krieg gegen die Raucher
Mehr zu diesem Buch...
Verbote von Anfang an
Verteufelungen, Verbote und Sanktionen begleiten das Rauchen in Europa von allem Anfang an. Schon den armen Rodrigo de Jerez, einen der Gefährten von Columbus, hat man, wie schon erzählt, für zehn Jahre ins Gefängnis gesteckt, weil er in Spanien geraucht hat. Das meinte die Heilige Inquisition nicht dulden zu können, sie vermochte und wollte im Rauch, der da ausgeatmet wurde, nichts anderes zu sehen als Teufelswerk: In den unchristlichen, heidnischen Gegenden, aus denen der Raucher kam, mußte der Satan in ihn gefahren sein, und der blies jetzt Höllenrauch aus ihm heraus. ?Als Indiz für die Gefährlichkeit des Rauchens dient hier?, schreibt Claus-Marco Dieterich, ?also nicht die Aufnahme des Rauches, sondern das sichtbare Ausatmen desselbigen. In der Verbindung zwischen dem ausgeblasenen Rauch und dem Dampf der Hölle liegt ein Motiv, das in der Konfliktgeschichte um das Rauchen vor allem von kirchlichen Vertretern immer wieder herangezogen wurde und Anlaß gab, gegen das Rauchen vorzugehen.?
Es wagten denn auch nicht viele, öffentlich zu rauchen, bis mit Sir Walter Raleigh der Umschwung kam, dem freilich die Verdammung des Rauchens fast augenblicklich folgte - ausgesprochen gar von einem gekrönten Haupt, dem englischen König Jakob I. In seinem Werk ?Misocapnus? listet er schon 1619 vieles von dem auf, was noch jahrhundertelang dem Rauchen und den Rauchern vorgeworfen werden sollte. Der Tabakkonsum sei ?der Schande entsprungen, auf Irrtum aufgenommen, durch Torheit verbreitet?. Durchs Rauchen werde ?des Gottes Zorn gereizt, des Körpers Gesundheit zerstört, das Hauswesen zerrüttet, das Volk im Vaterlande herabgewürdigt und auswärts verächtlich gemacht?. Das Rauchen sei eine Verschwendung und dazu noch ungesund. ?Das Erbgut manches jungen Edelmannes wird ganz erschöpft und verfliegt mit dem Dampf dieses Rauches rein in nichts.? Liederlich und schwächlich würden die Tabaktrinker: ?Denn genau wie hysterische Weiber ihr Leben verbringen, so kennt Ihr infolge der Erschlaffung nur noch diese eine Sorge um Euer Laster.? Das Rauchen zu verbieten gelang Jakob I. freilich nicht, also wollte er, wie berichtet, wenigstens daran verdienen - durch eine enorme Erhöhung der Einfuhrzölle auf Tabak.
In Japan und in China, wohin der Tabak zu dieser Zeit auch schon gekommen war, galt zu König Jakobs Zeit bereits ein Rauchverbot. Das Eigentum eines Tabakverkäufers konnte eingezogen werden - zugunsten dessen, der ihn denunziert hatte. Raucher konnten ab 1619 zu Geldstrafen verurteilt werden. Aber schon 1625 wurden die Verbote in Japan wieder aufgehoben, weil sich inzwischen, wie es heißt, auch viele Fürsten das Rauchen angewöhnt hatten.
In weiten Teilen Kontinentaleuropas war das Rauchen im Dreißigjährigen Krieg populär geworden, in umliegenden Gegenden aber konnte es im frühen 17. Jahrhundert sehr gefährlich sein. Der persische Schah Abbas I. (der Große) ließ Rauchern gern die Nasen und Lippen abschneiden. Mit dem Nasenabschneiden drohte auch der russische Zar Michael Feodorowitsch. Er ließ ebenso Prügelstrafen verhängen und angeblich den einen oder anderen Tabakverkäufer kastrieren.
Der rabiateste Potentat, der die Raucher haßte und verfolgte, war aber ohne Zweifel der türkische Sultan Murad IV. Die von ihm in Gang gesetzte Diffamierung der Raucher erinnert ein wenig an die Christenverfolgung unter Nero, der ja angeblich (man zweifelt heute daran) Rom hat anzünden lassen und dann, weil das Volk darüber empört war, den Christen die Schuld in die Schuhe geschoben und sie dann grausam hat verfolgen lassen. Sultan Murad soll aus Anlaß der Geburt eines Sohnes ein Feuerwerk abbrennen haben lassen, und das sei irgendwie außer Kontrolle geraten, 20.000 Häuser in Konstantinopel seien daraufhin verbrannt. Murad aber behauptete nun, die Brandkatastrophe habe auf einem Schiff, auf dem geraucht worden sei, ihren Ausgang genommen. Eine blutige Raucherverfolgung setzte ein, und der Sultan soll dabei selbst Hand angelegt haben. Verkleidet sei er - als das Rauchen schon streng verboten war - an die Orte gegangen, an denen angeblich heimlich immer noch Tabak verkauft wurde, er habe viel Geld dafür geboten und, wenn er tatsächlich Tabak bekommen habe, den Säbel gezogen und den Verkäufer (den ?Dealer?) augenblicklich einen Kopf kürzer gemacht. Er muß ein türkischer Puritaner gewesen sein, denn er hat auch Opium und Kaffee verbieten lassen, Wein sowieso. Er ist kaum 30 Jahre alt geworden, soll aber 100.000 Menschen zum Tod verurteilt und nicht wenige davon selbst hingerichtet haben.
In Mitteleuropa ging es zivilisierter zu, doch kamen, als der Dreißigjährige Krieg zu Ende war, die ersten regionalen Rauchverbote: In Salzburg und Bayern 1652, in Kursachsen 1653, in Württemberg 1656, in Tirol 1667. Wolfgang Schivelbusch interpretiert das als ?Rückzugsgefechte mittelalterlicher Weltanschauung?.
Ein schönes Beispiel dafür, wie unsicher man war, wie Rauchverbote zu begründen wären, liefert die Stadt Bern, wo die Obrigkeit 1661 das Tabakrauchen untersagte. Daß damit sündhaftes Tun hintan gehalten werden sollte, war klar. Aber mit welchem der zehn biblischen Gebote sollte man das Rauchen in einen Zusammenhang bringen? Man entschied sich für den Ehebruch. Claus-Marco Dieterich vermutet, ?daß dies in Folge der Überzeugung mancher Ärzte geschah, die dem Tabak nachsagten, er mache zeugungsunfähig?. Schließlich beschloß man, den Dekalog zu erweitern. Elftes Gebot: ?Du sollst nicht rauchen!? Doch hat sich das, zum Leidwesen mancher wohl, nicht durchgesetzt.
Die Haltung der Kirchen war unterschiedlich. Daß bei den Katholiken (als sie schon nicht mehr an die Mitwirkung des Teufels glaubten) das Rauchen überhaupt und selbst in den Kirchen einmal erlaubt, dann verboten, dann wieder erlaubt und wieder verboten war, davon war schon die Rede. Wie auch davon, daß man den Klerikern, der angeblich die Fleischeslust dämpfenden Wirkung des Tabaks wegen, das Rauchen nachsah, wenn nicht sogar empfahl. Mitte des 19. Jahrhunderts war es katholischen Priestern vom Vatikan her übrigens ausdrücklich untersagt, Schmähschriften gehen den Tabak zu verfassen oder gegen das Rauchen zu predigen.
Wo die Protestanten weltliche Macht hatten, in Norddeutschland etwa oder in der Schweiz, dort war jedenfalls die Versuchung, das Rauchen von oben her zu verbieten und dem Verbot z. B. durch die Androhung der Auspeitschung Nachdruck zu verleihen, größer als in katholischen Ländern. Die Franzosen und die Italiener etwa gingen im 17. Jahrhundert mit dem Rauchen eher pragmatisch um. Statt es zu verbieten, wollten sie - wozu sich Jakob I. von England schon entschlossen hatte - lieber durch die Einhebung von Steuern und Abgaben aller Art dran verdienen. ?Natürlich?, meint Oliver Pohl, ?von der Absicht getragen, durch die Reduktion des Tabakkonsums die Gesundheit der Untertanen zu schonen. Aus gesundheitlichen Gründen führte auch Richelieu 1629 in Frankreich die Tabaksteuer ein.? Diese Sorge konnte seltsame Blüten treiben - und treibt sie heute noch: ?1631 verbot das Parlament in Paris aus gesundheitlichen Gründen das Rauchen in den höchst ungesunden Gefängnissen?, schreibt Pohl, ?so wie heute US-amerikanische Behörden Todeskandidaten sogar noch unmittelbar vor der Hinrichtung die letzte Zigarette verweigern.?
Über 200 Jahre hin glaubten manche, es gäbe kaum ein Leiden, das nicht durch die vielfältigen wohltätigen Wirkungen der Tabakpflanze geheilt werden könnte, und es gab von allem Anfang an, seit der Tabak in Europa bekannt war, manche, die ihn für alles verantwortlich machten, was nur an Krankheiten, Elend, Verfall der Sitten und sonstigen Übeln denkbar war. Als der Glaube an die schier wundertätige Wirkung auf den Körper allmählich schwand, entdeckte man jene den Geist belebende Wirkung. Wolfgang Schivelbusch: ?Rauchen und geistige Arbeit, das ist für die Autoren des 17. und 18. Jahrhunderts ein eng zusammengehöriges Paar.? Das hinderte die andere Seite nicht, den Tabak, vor allem das Rauchen, weiterhin zu verdammen und, wenn sie die Macht dazu hatte, zu verbieten.
Überblickt man die Frühzeit des Tabakkonsums in Europa, so begegnet man einigen wenigen Motiven hinter der leidenschaftlichen Ablehnung. Die Sorge um die Gesundheit der Raucher ist das vordergründigste davon. Daß Rauchen nur schädlich sein konnte, das wußten manche schon, ehe sie irgendetwas sonst über den Tabak wußten. Woher wußten sie es? Sie wußten es einfach und trugen ihre Behauptung (damals schon) wie eine ein für allemal gesicherte Wahrheit vor. (Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wir wissen jetzt, daß das Rauchen gesundheitsgefährdend sein kann, aber jene, die dem generellen Verbieten das Wort reden, übertreiben die Risiken nicht nur, sondern behaupten, daß Rauchen die Gesundheit auf jeden Fall schädige.)
Ein kaum je offen ausgesprochenes, aber von allem Anfang an durchschimmerndes Motiv: Tabak ist ein Genußmittel, das von außen her nach Europa gekommen ist. Allein deswegen schon war ihm nicht zu trauen, allein deswegen mußte es gefährlich sein. Das ist ein unverzichtbarer Bestandteil aller xenophoben Denkschemata: Das Gefährliche, das Verhängnisvolle, das Böse kommt von außen. Auch hier zieht sich eine Linie bis in die jüngere Vergangenheit: Für Hitler war das Rauchen ein Laster der ?minderwertigen Rassen?, und manch ein Fundamental-Christ im amerikanischen bible belt mag darin die ausrottungswürdige Sitte jener Ureinwohner sehen, die auszurotten man sich immerhin bemüht hatte.
In den protestantisch eingefärbten Verboten schwingt immer mit, was der überzeugte Presbyterianer (also wesentlich calvinistisch geprägte) König Jakob I. in seinem ?Misocapnus? schon angesprochen hat: Das Rauchen sei Verschwendung, unnütz - also schädlich in mehrfacher Hinsicht. Und vor allem: Rauchen diene - ein Horror für jeden Puritaner - nur dem Genuß.
Und noch ein Motiv für die Rauchverbote gibt es, dem - meine ich - zu wenig Beachtung geschenkt wird: Die Lust am Verbieten. Wer die Macht dazu hat, erläßt Verbote. In der Gegenwart scheinen nach etlichen sehr liberalen Jahrzehnten viele Staaten ausprobieren zu wollen, wie viel sich ihre Bürger eigentlich bieten und verbieten lassen. Bürgerrechte werden unter vielerlei Vorwänden (beliebt z. B. die Terrorismusbekämpfung) eingeschränkt, der Staat mischt sich immer stärker in die Privatsphären der Menschen ein, und die Tendenz, das öffentlich-gesellschaftliche Leben mittels Verboten zu regeln, ist unübersehbar. Das könnte endlich dorthin führen: ?Wo viel verboten ist, wird leicht noch mehr verboten?, schrieb 2007 Jens Jessen in Die Zeit, ?weil das Unverbotene so stark auffällt und am Ende nur noch in Form des ausdrücklich Erlaubten geduldet wird?. (Freilich nährt sich ja - diese Hoffnung bleibt - auch die Lust an den Verboten: Viele Katholiken können etwa, haben sie erst ein gesetzteres Alter erreicht, der rigiden Sexualmoral ihrer Kirche durchaus etwas abgewinnen, wissen sie doch, daß ihre ersten sexuellen Erfahrungen nur halb so reizvoll gewesen wären ohne das Bewußtsein, ein strenges Verbot zu übertreten.)

